Schweizer Uhren entstehen nicht überall im Land, sondern vor allem in einem schmalen Band im Westen: von Genf über das Vallée de Joux und die Jurahöhen bis nach Biel/Bienne und Grenchen. Dieser sogenannte Jurabogen ist bis heute das Herz der Branche. Im 20. Jahrhundert arbeiteten dort rund 90 Prozent aller Beschäftigten der Schweizer Uhrenindustrie.
Jede Region hat ihre eigene Geschichte: In Genf trafen ab etwa 1550 Glaubensflüchtlinge mit Wissen über tragbare Uhren auf das Handwerk der Goldschmiede. In den Bergtälern des Juras bauten Bauernfamilien im langen Winter Uhrenteile. Später entstanden in Le Locle, Saint-Imier, Biel/Bienne und Schaffhausen grosse Fabriken. Auf der Karte siehst du die wichtigsten Uhrenregionen und Museen, in denen man diese Geschichte heute erleben kann.
Uhrenregion Museum · Kartengrundlage: Natural Earth (gemeinfrei), eigene Karte des Uhrenatlas
Genf, Plan-les-Ouates, Meyrin, Les Acacias
Genf
Die Stadt am Genfersee gilt als eine der Wiegen der Schweizer Uhrmacherei und ist Sitz vieler berühmter Marken.
Ab etwa 1550 kamen protestantische Glaubensflüchtlinge, die Hugenotten, nach Genf. Sie brachten viel Wissen über tragbare Uhren mit. Dieses Wissen verband sich mit der Kunst der Genfer Gold- und Silberschmiede, und Genf wurde zu einem Zentrum der Zeitmessung. Überliefert ist auch, dass der Reformator Calvin prunkvollen Schmuck ablehnte, Uhren als nützliche Gegenstände aber duldete. Viele Goldschmiede sollen sich deshalb dem Uhrenbau zugewandt haben.
Heute haben in Genf und seiner Umgebung einige der bekanntesten Uhrenhäuser ihren Sitz. Rolex hat drei seiner vier Standorte in Genf, Patek Philippe, Vacheron Constantin und Piaget arbeiten in Plan-les-Ouates, Chopard in Meyrin. Dazu kommen kleine unabhängige Ateliers wie F.P. Journe, Urwerk oder MB&F.
Patek Philippe MuseumGenf · Markenmuseum Zwei Sammlungen in einem Haus: Genfer und europäische Uhren und Emailarbeiten von etwa 1500 bis ins 19. Jahrhundert sowie Uhren von Patek Philippe seit 1839.
Le Sentier, Le Brassus, L'Abbaye, Le Pont
Vallée de Joux
Ein abgelegenes Hochtal im Waadtländer Jura, bekannt für besonders aufwendige Uhrwerke.
Das Stammhaus von Audemars Piguet in Le Brassus (Kanton Waadt) · Bild: Jag9889, CC BY-SA 4.0
Das Vallée de Joux liegt im Waadtländer Jura nahe der französischen Grenze. Seit dem 18. Jahrhundert nutzten die Bauern hier die langen, schneereichen Winter, um Uhrenteile herzustellen. Aus dieser Heimarbeit wuchs eine Spezialität: besonders aufwendige Uhrwerke mit vielen Zusatzfunktionen, sogenannte Komplikationen.
In den Dörfern Le Sentier, Le Brassus und L'Abbaye haben heute grosse Namen ihren Sitz: Jaeger-LeCoultre in Le Sentier, Audemars Piguet und Blancpain in Le Brassus, Breguet in L'Abbaye. Laut einer Fachzeitschrift arbeiten im Tal rund 20 Uhrenmanufakturen. Früher führte der «Chemin des Horlogers», der Weg der Uhrmacher, vom Tal hinunter nach Genf, wo die Uhren verkauft wurden.
Espace Horloger de la Vallée de JouxLe Sentier · öffentlich Das Uhrenmuseum des Tals in einer ehemaligen Uhrenfabrik zeigt die Berufe rund um die Uhr und eine Sammlung zur Geschichte der Zeitmessung.
Musée Atelier Audemars PiguetLe Brassus · Markenmuseum Ein spiralförmiger Glaspavillon des Architekturbüros BIG neben der Werkstatt von 1875 zeigt rund 300 Uhren der Marke. Besuch nur als Führung mit Reservation.
La Chaux-de-Fonds, Le Locle
Neuenburger Jura: La Chaux-de-Fonds und Le Locle
Zwei Uhrenstädte, deren Strassen ganz auf die Uhrmacherei ausgerichtet wurden und die seit 2009 UNESCO-Welterbe sind.
Im Mai 1794 zerstörte ein Grossbrand einen grossen Teil von La Chaux-de-Fonds. Die Stadt wurde danach mit geraden, rechtwinkligen Strassen neu aufgebaut. Die Häuser stehen in langen Reihen und sind so ausgerichtet, dass möglichst viel Tageslicht in die Werkstätten der Uhrmacher fällt. Auch Le Locle brannte im 19. Jahrhundert mehrmals und wurde nach einem ähnlichen Plan wieder aufgebaut.
2009 nahm die UNESCO die beiden Städte unter dem Titel «La Chaux-de-Fonds / Le Locle, Stadtlandschaft Uhrenindustrie» in die Welterbeliste auf. Ausgezeichnet wurde nicht ein einzelnes Gebäude, sondern der ganze Stadtplan, der ganz auf die Uhrmacherei zugeschnitten ist. In Le Locle gründete Georges Favre-Jacot 1865 die spätere Marke Zenith, die noch heute an der Rue des Billodes produziert. In La Chaux-de-Fonds sitzen unter anderem TAG Heuer und Greubel Forsey.
Musée international d'horlogerie (MIH)La Chaux-de-Fonds · öffentlich Ein grosses, teils unterirdisches Museum der Stadt mit fast 4000 Objekten: von Sonnenuhren bis zur Atomuhr erzählt es die ganze Geschichte der Zeitmessung.
Zenith Manufaktur (Führung)Le Locle · Markenmuseum Geführter Rundgang durch die Manufaktur von 1865 mit Markengeschichte und Einblick in die Produktion; nur mit Voranmeldung.
Neuenburg, Fleurier, Môtiers, La Côte-aux-Fées
Neuenburg und Val-de-Travers
Die Stadt Neuenburg und das Tal um Fleurier verbinden alte Uhrmachertradition mit modernen Manufakturen.
Die Chopard-Manufaktur in Fleurier (Aufnahme 2025) · Bild: MHM55, CC BY-SA 4.0
In der Stadt Neuenburg (Neuchâtel) stehen drei berühmte Automaten: der Schreiber, die Musikerin und der Zeichner. Pierre Jaquet-Droz, sein Sohn Henri-Louis und Jean-Frédéric Leschot bauten sie zwischen 1768 und 1774 in La Chaux-de-Fonds. Seit 1909 gehören sie der Stadt Neuenburg. Am Stadtrand hat Panerai seine Manufaktur, in der Uhrwerke entwickelt und gebaut werden.
Im Val-de-Travers liegt das Uhrendorf Fleurier. Die Brüder Bovet handelten ab 1822 von hier aus mit Uhren für China. Seit 2006 arbeitet Bovet im Schloss von Môtiers. 1996 entstanden in Fleurier die Chopard-Manufaktur und die Marke Parmigiani Fleurier. Seit 2004 vergibt eine Stiftung in Fleurier ein eigenes Qualitätssiegel für Uhren. Oberhalb des Tals liegt La Côte-aux-Fées, der Heimatort von Piaget.
Musée d'art et d'histoire Neuchâtel (MahN)Neuenburg · öffentlich Hier stehen die drei Jaquet-Droz-Automaten aus dem 18. Jahrhundert: der Schreiber, die Musikerin und der Zeichner. An bestimmten Tagen werden sie in Bewegung vorgeführt.
Saint-Imier, Villeret, Sonvilier
Berner Jura: Saint-Imier und Vallon de Saint-Imier
Im Tal von Saint-Imier liegt die Heimat von Longines mit ihrem berühmten Logo, der geflügelten Sanduhr.
Im Vallon de Saint-Imier, einem Tal im französischsprachigen Teil des Kantons Bern, war die Uhrmacherei schon vor der Industrialisierung weit verbreitet. Zuerst arbeiteten die Uhrmacher zu Hause und lieferten ihre Teile an Händler, die daraus fertige Uhren zusammenstellen liessen.
1832 gründete Auguste Agassiz in Saint-Imier ein Handelshaus für Uhren. Sein Neffe Ernest Francillon baute 1867 eine Fabrik, in der alle Arbeitsschritte unter einem Dach vereint waren. Sie stand auf einem Gelände mit dem Flurnamen «Les Longines», was im örtlichen Dialekt «lange Wiesen» bedeutet. Daraus wurde der Markenname Longines. Die Marke gehört heute zur Swatch Group und hat ihren Sitz noch immer in Saint-Imier.
Musée LonginesSaint-Imier · Markenmuseum Im Hauptsitz von Longines: wichtige Uhrenmodelle, Navigationsinstrumente, Zeitmessgeräte für den Sport und Dokumente aus den Anfängen der Firma. Führungen mit Reservation.
Biel/Bienne, Grenchen
Biel/Bienne und Grenchen
Am Jurasüdfuss liegen die grossen Industriestädte der Uhr: Hier sitzen die Swatch Group, Omega und das Uhrwerk-Werk von Rolex.
«Cité du Temps» von Shigeru Ban auf dem Swatch-Omega-Campus in Biel, 2022 · Bild: Schiplagerheide, CC0
Biel/Bienne ist zweisprachig und der Sitz der Swatch Group, zu der unter anderem Omega, Longines, Breguet und Swatch gehören. Omega hat hier seinen Hauptsitz, und Rolex stellt in Biel/Bienne sämtliche Uhrwerke her: Je nach Modell bestehen sie aus 200 bis fast 400 Einzelteilen. Die fertigen Werke gehen dann nach Genf, wo die Uhren zusammengebaut und geprüft werden. In der Cité du Temps, einem Holzbau des Architekten Shigeru Ban, zeigen Omega und Swatch ihre Geschichte.
Im benachbarten Grenchen im Kanton Solothurn beschloss die Gemeindeversammlung 1851, die Uhrmacherei ins Dorf zu holen. Das Bauerndorf wurde danach zur Industriestadt. Aus der Grenchner Firma Gebrüder Schild ging der Uhrwerkhersteller ETA hervor, der heute zur Swatch Group gehört und an der Entwicklung der Swatch beteiligt war. Auch Breitling hat seinen Sitz in Grenchen.
Omega MuseumBiel/Bienne · Markenmuseum In der Cité du Temps zeigt Omega seine Geschichte: Mondlandung, Olympische Zeitmessung, James Bond und eine begehbare Speedmaster.
Planet SwatchBiel/Bienne · Markenmuseum Im selben Gebäude wie das Omega Museum: mehr als 5000 Swatch-Uhren, Künstlermodelle, Prototypen und Mitmach-Stationen.
Kultur-Historisches Museum GrenchenGrenchen · öffentlich Das Museum erzählt, wie aus einem Bauerndorf dank der Uhrenindustrie eine Technologiestadt wurde, und zeigt das Leben der Menschen in den Fabriken.
Schaffhausen, Neuhausen am Rheinfall
Schaffhausen
Die einzige grosse Uhrenstadt der Deutschschweiz: Hier gründete ein Amerikaner 1868 die IWC.
Die Uhrenfabrik IWC am Rhein in Schaffhausen, Luftaufnahme von Walter Mittelholzer (zwischen 1918 und 1937) · Bild: Walter Mittelholzer, gemeinfrei
Schaffhausen liegt weit weg vom Jurabogen am Rhein. 1868 gründete der amerikanische Uhrmacher Florentine Ariosto Jones hier die International Watch Company, kurz IWC. Er wollte Schweizer Handwerk mit modernen Maschinen verbinden. Ein wichtiger Partner war der Schaffhauser Industrielle Heinrich Moser, der am Rhein ein Wasserkraftwerk gebaut hatte und so günstige Energie lieferte.
Die IWC hat ihren Hauptsitz bis heute direkt am Rheinufer am Rand der Altstadt. Gleich nebenan, in Neuhausen am Rheinfall, arbeitet die Marke H. Moser & Cie, die auf Heinrich Moser zurückgeht und 1828 gegründet wurde.