Komplikationen – die Zusatzfunktionen
Der Chronograph
Ein Chronograph ist eine Uhr mit eingebauter Stoppuhr: Ein Druck startet den grossen Zeiger, ein zweiter stoppt ihn, ein dritter stellt ihn auf null. Dahinter arbeitet ein zweites Zählwerk, das eine Kupplung bei Bedarf mit dem laufenden Uhrwerk verbindet.

Eine Stoppuhr in der Uhr
Ein Chronograph ist eine Armbanduhr, die zusätzlich zur Uhrzeit Zeitspannen messen kann, so wie eine Stoppuhr im Sportunterricht. Das Wort bedeutet wörtlich «Zeitschreiber»: Die frühen Geräte dieser Art markierten die verstrichene Zeit tatsächlich mit Tinte. Nicolas Mathieu Rieussec baute 1821 ein solches Gerät, um Pferderennen zu stoppen. Nach heutigem Kenntnisstand hatte schon 1816 Louis Moinet ein Stoppgerät für die Sternbeobachtung gebaut.
Bedient wird der Chronograph meist mit zwei Drückern neben der Krone. Der obere, bei 2 Uhr, startet und stoppt den grossen Stoppzeiger. Der untere, bei 4 Uhr, stellt ihn wieder auf null. Kleine Hilfszifferblätter, sogenannte Totalisatoren, zählen dazu die Minuten und oft auch die Stunden. Die normale Uhrzeit läuft die ganze Zeit ungestört weiter.
Wie ein Druck zum laufenden Zeiger wird
Im Werk gibt es zwei Teile: das ständig laufende Räderwerk der Uhr und das Zählwerk des Chronographen mit dem Stoppzeiger. Dazwischen sitzt eine Kupplung. Das Prinzip kennt man vom Auto: Der Motor läuft immer, aber erst wenn die Kupplung schliesst, kommt die Bewegung bei den Rädern an.
Beim ersten Druck auf den oberen Drücker rückt das Schaltrad (siehe unten) um einen Schritt weiter. Hebel schliessen die Kupplung und heben die Bremse vom Stoppzeigerrad ab: Der Zeiger läuft. Beim zweiten Druck rückt es noch einen Schritt weiter, die Kupplung öffnet und die Bremse hält den Zeiger fest. Mit dem unteren Drücker fallen Hämmerchen auf herzförmige Scheiben, die Herznocken. Diese zwingen die Zeiger zurück auf null.
Bei der Kupplung gibt es zwei Bauarten. Bei der waagrechten Kupplung wird ein Rad seitlich mit einem anderen in Eingriff gebracht. Fassen die Zähne nicht sauber, kann der Zeiger beim Start kurz springen. Bei der senkrechten Kupplung übertragen aufeinandergepresste Scheiben die Bewegung durch Reibung, ähnlich wie bei einer Autokupplung. Der Start ist meist sanfter, dafür sieht man weniger vom Mechanismus.
Schaltrad oder Kulisse?
Welcher Befehl nach welchem Druck ausgeführt wird, entscheidet ein «Dirigent» im Werk. Bei hochwertigen Chronographen ist das ein Schaltrad, auch Säulenrad genannt: ein kleines Zahnrad mit senkrecht aufragenden Säulen, das an eine winzige Burg erinnert. Die Hebel gleiten auf den Säulen oder fallen in die Lücken dazwischen und lösen so Start, Stopp und Nullstellung aus. Das Schaltrad kann sowohl eine waagrechte als auch eine senkrechte Kupplung steuern.
Die günstigere Alternative ist die Kulissenschaltung: Statt eines gefrästen Schaltrads steuern gestanzte Blechteile, Kurvenscheiben und Hebel den Ablauf. Das ist einfacher und billiger herzustellen. Schaltradwerke gelten als aufwendiger gefertigt und haben oft einen weicheren, gleichmässigeren Druckpunkt, Kulissenwerke fühlen sich meist fester an. Welche Bauart besser ist, hängt von der Ausführung und vom Geschmack ab, nicht allein vom Prinzip.
Tachymeter, Flyback und Schleppzeiger
Die Tachymeter-Skala, meist auf der Lünette, rechnet Zeit in Geschwindigkeit um. Man stoppt, wie lange man für eine bekannte Strecke braucht, etwa einen Kilometer, und liest am Zeiger die Durchschnittsgeschwindigkeit ab. Wer 30 Sekunden braucht, ist im Schnitt mit 120 km/h gefahren (3'600 Sekunden pro Stunde geteilt durch 30). Die Skala gilt nur für Messungen bis höchstens 60 Sekunden und zeigt nur das Mittel, nicht die Momentangeschwindigkeit. Bekannt wurde sie durch Rennsport-Uhren wie die Omega Speedmaster.
Beim Flyback-Chronographen lässt sich der Zeiger auf null stellen, während die Messung noch läuft: Ein einziger Druck stoppt, nullt und startet sofort neu. Das hilft, wenn mehrere Messungen direkt aufeinander folgen, zum Beispiel in der Fliegerei von Etappe zu Etappe. Mechanisch ist das aufwendiger als der normale Ablauf, bei dem man zuerst stoppen muss, bevor man nullen darf.
Der Schleppzeigerchronograph, französisch «Rattrapante» (etwa «die Einholende»), hat zwei Stoppzeiger übereinander. Beide starten gemeinsam. Ein zweiter Drücker hält nur den unteren Zeiger an, damit man eine Zwischenzeit ablesen kann, der obere läuft weiter. Drückt man erneut, springt der angehaltene Zeiger nach vorn und holt den laufenden wieder ein. Dahinter stecken kleine Klemmzangen, die ein zusätzliches Rad festhalten, und eine Feder, die es beim Loslassen nachschnellen lässt. Klassisch braucht das ein zweites Schaltrad, entsprechend aufwendig ist der Bau.
Von Moinet bis El Primero
Auf Moinet und Rieussec folgten Verbesserungen: 1844 stellte Adolphe Nicole das Nullstellherz vor, die herzförmige Scheibe, die den Zeiger auf null bringt und die Henri-Féréol Piguet entwickelt hatte. Um 1910 tauchten die ersten Chronographen am Handgelenk auf. Longines baute 1913 ein frühes Armbandwerk, das Kaliber 13.33Z.
Einen Wettlauf gab es 1969 um den ersten automatischen Serienchronographen. Zenith zeigte den El Primero am 10. Januar, Seiko folgte im Februar, und ein Verbund aus Heuer, Breitling, Hamilton und Dubois Dépraz stellte am 3. März sein «Chrono-Matic» vor (zum Selbstaufzug siehe Aufzug und Automatik). In den 1970er-Jahren verdrängte die Quarztechnik viele mechanische Chronographen (Quarz und Mechanik). Seit der Mitte der 1980er-Jahre erleben hochwertige mechanische Chronographen eine Renaissance.
Gut zu wissen
- Chronograph und Chronometer klingen ähnlich, bedeuten aber Verschiedenes: Der Chronograph stoppt Zeit, ein Chronometer besitzt ein amtliches Genauigkeitszeugnis.
- Bei einem gewöhnlichen Chronographen darf man den unteren Drücker erst drücken, wenn der Zeiger gestoppt ist. Nur ein Flyback erlaubt die Nullstellung während des Laufs.
- Die Tachymeter-Skala misst nur die Durchschnittsgeschwindigkeit über eine bekannte Strecke, sie ersetzt keinen Tacho.
Stand: 26.10.2026
Quellen
- Chronograph – Wikipedia (englisch)
- Chronograph (Uhr) – Wikipedia (deutsch)
- Montres Passion: How a Column-Wheel Chronograph Works
- Rotate Watches: Cam vs. Column Wheel Chronograph
- Tachymeter (watch) – Wikipedia (englisch)
- Flyback chronograph – Wikipedia (englisch)
- 5D Watches: Rattrapante / Split-Seconds Chronograph Explained
- Watchonista: A Tale of Two Rattrapantes