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Uhrenatlas

Handwerk und Veredelung

Email-Zifferblätter

Email ist Glaspulver, das bei grosser Hitze Schicht für Schicht auf Metall aufgeschmolzen wird. Ein Emailzifferblatt verblasst nicht, ist aber in der Herstellung äusserst heikel.

Runde goldene Taschenuhr mit Perlenrand und farbig emailliertem Deckel, auf dem Putten zwischen Rosen zu sehen sind, auf schwarzem Stoff
Taschenuhr mit der Signatur «Bovet», Perlenrand und Emailmalerei, 19. Jahrhundert (National Palace Museum, Taipeh) · Bild: National Palace Museum, Taipeh (Open Data), CC BY 4.0

Glas auf Metall

Email (auch «Emaille») ist keine Farbe, sondern Glas: ein fein gemahlenes Pulver, das auf eine Metallscheibe aufgeschmolzen wird. Laut Girard-Perregaux und Ulysse Nardin besteht es aus Quarz (Siliziumdioxid), Pottasche, Soda und weiteren Zusätzen; Metalloxide geben die Farbe. Als Unterlage dienen meist Kupfer, Gold oder Silber, und die Fläche muss vollkommen glatt sein, weil jede Unebenheit durchscheinen würde.

Gebrannt wird im Ofen bei etwa 800 bis 900 Grad Celsius – je nach Quelle schwanken die Angaben. Wegen dieser Hitze heisst das klassische Verfahren «Grand Feu», das «grosse Feuer». Das Prinzip kennt man vom Emailgeschirr: Auch dort ist die glatte, glänzende Schicht aufgeschmolzenes Glas.

Schicht für Schicht: so entsteht ein Grand-Feu-Zifferblatt

Zuerst wird das Pulver gewaschen, fein gemahlen und mit Wasser angerührt. Der Handwerker trägt mit dem Pinsel eine dünne Schicht auf, dann kommt das Zifferblatt in den Ofen. Durch eine kleine Öffnung beobachtet der Emailleur, wann das Pulver zu Glas verschmolzen ist; wann das der Fall ist, hängt laut Girard-Perregaux von Material, Menge und Temperatur ab, entscheidend ist seine Erfahrung. Nach dem Abkühlen wird die Fläche glatt geschliffen, und die nächste Schicht folgt.

Je nach Zifferblatt und Quelle sind es vier bis zwanzig Schichten, jede mit eigenem Brand: Ulysse Nardin nennt vier bis fünf, Girard-Perregaux fünf bis zehn, Monochrome sechs bis zwanzig. Zum Schluss wird poliert und die Beschriftung aufgebracht, laut Ulysse Nardin mit Schablonen. Backzeit und Schichtdicke beeinflussen die endgültige Farbe, deshalb ist laut Marke jedes Grand-Feu-Zifferblatt ein Unikat. Ein Emailleur braucht dafür nach Angaben von Ulysse Nardin etwa zwei Tage pro Zifferblatt.

Cloisonné, Champlevé, Miniaturmalerei: Bilder aus Glas

Beim Cloisonné (Zellenschmelz) bilden hauchdünne Golddrähte die Umrisse der Farbfelder, ähnlich den Bleistegen in einem Kirchenfenster. Die so entstandenen «Zellen» werden mit Emailpulver gefüllt und gebrannt. Weil das Glas beim Schmelzen schrumpft, wiederholt man das, bis die Zellen voll sind; danach wird geschliffen und poliert. Ulysse Nardin nennt dafür etwa vier Emailschichten und sechs bis acht Brände.

Beim Champlevé (Grubenschmelz) geht man umgekehrt vor: Statt Stege aufzusetzen, schneidet oder graviert man Vertiefungen ins Metall und füllt sie mit Email. Vacheron Constantin beschreibt, dass ein Graveur die Szene in den Rohling schneidet und der Emailleur die Vertiefungen Farbe für Farbe füllt, mit einem Brand nach jedem Ton. Man kann es sich vorstellen wie Farbe, die in eingeritzte Rillen gestrichen wird; der stehengebliebene Metallrand trennt die Farben.

Bei der Miniaturmalerei malt der Künstler mit feinstem Pinsel ein Bild auf einen Untergrund aus gebranntem Email – in dünnen Schichten, eine Farbe nach der anderen, jede mit eigenem Brand. Am Ende deckt eine durchsichtige Emailschicht («Flux») das Bild ab und gibt ihm Glanz und Tiefe. Vacheron Constantin nennt das Handwerk äusserst selten und überträgt damit laut eigener Angabe Gemälde von Claude Monet oder Vincent van Gogh auf das Zifferblatt.

Flinqué: Wenn Guilloché unter Email schimmert

Beim Flinqué wird zuerst ein Muster ins Metall guillochiert (siehe Guilloché), dann überzieht der Emailleur es mit durchscheinendem Email. Das Licht fällt durch das Glas, spiegelt sich auf dem Rillenmuster und lässt es farbig leuchten – wie farbiges Glas vor einem geprägten Spiegel. Patek Philippe zeigt laut eigener Angabe mit der Referenz 5178G-012 ein von Hand guillochiertes Zifferblatt mit Wirbelmuster unter durchsichtigem blauem Grand-Feu-Email. Berühmt wurde die Verbindung durch Peter Carl Fabergé, der laut Wikipedia ab den 1880er-Jahren durchscheinendes Email über Guilloché legte.

Der Begriff wird nicht überall gleich gebraucht: Manche Marken nennen schon das Muster allein «Flinqué», selbst wenn es gestanzt ist. Bei Breguet gab es zu Beginn des 19. Jahrhunderts laut Marke mehr Guilloché- als Emailzifferblätter.

Warum Email so lange schön bleibt – und so heikel ist

Email ist Glas, und Glas bleicht nicht aus: Anders als ein Lack oder eine Druckfarbe verblasst es laut Wikipedia unter UV-Licht nicht, ist hart, chemisch widerstandsfähig und gut zu reinigen. Fachberichte beschreiben Grand-Feu-Zifferblätter deshalb als sehr widerstandsfähig gegen Ausbleichen, Verfärbung und Risse. Ulysse Nardin spricht von aussergewöhnlicher Schönheit und Haltbarkeit – das ist allerdings eine Herstellerangabe.

Heikel ist Email, weil Metall und Glas sich bei Hitze unterschiedlich ausdehnen: Passt das nicht, gibt es Risse. Dazu kommen eingeschlossener Staub, Luftblasen, die Krater hinterlassen, und Metallscheiben, die sich verziehen. Jeder zusätzliche Brand erhöht das Risiko; zu viel Hitze lässt das Email reissen, zu wenig verbindet es nicht richtig mit dem Metall. Bei erfahrenen Herstellern wie Donzé Cadrans liegt der Ausschuss laut Monochrome bei bis zu 80 Prozent. Girard-Perregaux beziffert den Handarbeitsanteil bei seinen Emailzifferblättern auf rund 90 Prozent.

Auch später bleibt es Glas: Wird die Metallunterlage gebogen oder stark gestossen, kann Email splittern oder reissen. In der Emailkunst gleicht ein Gegenemail auf der Rückseite dünner Platten die Spannung aus.

Gut zu wissen

  • Emailzifferblätter gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Als Meister jener Zeit nennt ein Fachbeitrag die Franzosen Pierre Huaud und Jean Toutin; Frankreich und die Schweiz waren die Zentren.
  • Ein einziger Fehler kann das ganze Zifferblatt unbrauchbar machen: Der Handwerker muss dann von vorn beginnen.
  • Das Atelier Donzé Cadrans in Le Locle gehört laut Ulysse Nardin seit 2011 zur Marke und bietet über 700 Farbreferenzen an.
  • Angaben zu Hitze und Zahl der Brände schwanken je nach Marke und Zifferblatt: von rund 800 Grad bis über 900 Grad, von vier bis zwanzig Schichten.

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Quiz: Email-Zifferblätter

Mehr Fragen gibt es im grossen Quiz.